„Nirgends ein Gewaltakt“ – Räterepublik Fürth

 

„Nirgends ein Gewaltakt“ – Räterepublik Fürth

Die soziale Lage des Landes spiegelte sich im Winter 1918/199 auch in Fürth wider: Bei einer GesamteinwohnerInnenzahl von ca. 70000 waren Mitte Februar 1919 bereits 7000 arbeitslos. Der Tageshöchstsatz der Arbeitslosenunterstützung entsprach etwa einem Stundenlohn eines Arbeiters. Anfang März demonstrierten etwa 2000 Menschen vor dem Fürther Rathaus für bessere Lebensmittelrationen. Vor dem Sitz der Volkswehr im Parkhotel forderten sie die Beschlagnahme von Lebensmittelvorräten bei den reichen BürgerInnen der Stadt.

Telegramm des Fuerther Arbeiter- und Soldatenrates vom 6. April 1919

Telegramm des Fürther Arbeiter- und Soldatenrates vom 6. April 1919 18.00 Uhr

„Nirgends ein Gewaltakt“ – Räterepublik Fürth

Ausstellungstafen dazu

Die Volkswehr fügte sich dem Druck der Masse. Jedoch erst Stunden später wurden die ersten Bürgerhäuser durchsucht, die Besitzer waren rechtzeitig gewarnt worden.

Der Vollzugsausschuss des Arbeiter- und Soldatenrats (ASR) Fürth setzte sich bereits im November 1918 paritätisch zusammen: Gleichberechtigte Vorsitzende waren der Uhrmacher Julius Haller (USPD) und der Möbelschreiner Friedrich Kuntermann (MSPD). Dem achtköpfigen Soldatenrat stand Oberstleutnant Mayer vor, der zugleich Garnisionskommandant der Volkswehr und Mitglied der USPD war. Mit ihm und dem zivilen Leiter der Volkswehr, Arbeiterrat Winzel Dirscherl (USPD), hatten die Unabhängigen die wichtigsten militärischen Posten in Fürth besetzt.

Räterepublik April 1919 Fürth

Rätezeit April 1919 in Fürth (v. oben links): Mayer, Erbs, Albert, Haller, Vogt, Dirscherl, Kuntermann, Lange und Unrein. (Foto: Stadtarchiv Fürth)

Wie Anfang November, so müsse auch dieses Mal Bayern vorangehen und ein Zeichen setzen – so der Appell des Hauptredners auf einer am 6. April 1919 auf Einladung der USPD in Fürth stattfindenden Volksversammlung. Die Stunde der Abrechnung sei gekommen und die Geduld der Arbeiterschaft zu Ende, führte der Unabhängige Koch weiter aus. Das Ziel sei die wirtschaftliche Macht in die Hände zu bekommen und dazu gehöre das Räte-System. Unter allgemeinen Applaus kündigte er die Bildung einer sozialistischen Arbeitsgemeinschaft in Fürth auf Initiative der USPD an, in der alle drei sozialistischen Parteien zusammenarbeiten sollen – notfalls auch über den Widerstand der mehrheitssozialistischen Führer hinweg. Ein Bankassistent und ein städtischer Hilfsarbeiter sagten die Unterstützung der Fürther Beamtenschaft zu, ein Mehrheitssozialist verspricht sie zumindest für den Fall, dass es zum Kampf mit der Reaktion kommen würde und ein Vertreter der KPD stellt sich bedingungslos hinter die geplante Ausrufung der Räterepublik. Aus der Versammlung bildet sich eine 15-köpfige Kommission aus je fünf Vertretern von MSDP; USPD und KPD, die die Vereinigung der drei Parteien in Fürth vorbereiten soll. Hofrat Kaufmann erklärte bereits einen Tag vorher, dass sich die Stadtverwaltung mit den gegebenen Umständen abfinden werde.
Am Nachmittag verabschiedet der Fürther Arbeiter- und Soldatenrat (ASR) gegen wenige MSPD-Stimmen eine Resolution für die Räterepublik. Auch Volkswehr-Oberstleutnant Mayer (USPD) erklärte die Zustimmung der Garnison.

Am 7. April, vier Uhr morgens, trafen die Telegramme aus München in Fürth ein. Plakate werden sofort geklebt, die für eine auf 10 Uhr angesetzte Volksversammlung mobilisieren sollen. Ein weiteres Plakat verkündet erste Beschränkungen im Bankengeschäft, um Angstabhebungen zu vermeiden. Oberbürgermeister Wild erklärte seinen Rücktritt.
Mehrere Tausend versammelten sich um 10 Uhr auf dem Schießanger und hörten den USPD-Rednern Haller, Koch, Dirschel und Gleixner zu. Nach kurzen Reden formierten sich zwei Demonstrationszüge mit Militärmusikkapellen durch die Stadt.
Um 11 Uhr tagte der ASR erneut. Der Vollzugsausschuss (VA) des ASR wurde von neuen auf elf Mitglieder erweitert: sechs USPDler, drei Vertreter der MSPD, ein Kommunist und ein Beamtenvertreter sollen zusammen mit einer von der Gewerkschaft gestellten siebenköpfigen Kommission die Verwaltung der Stadt leiten.
Als um 12 Uhr alle Glocken der Stadt läuten sollen, weigert sich Stadtpfarrer Fronmüller zunächst. Er hatte vom Generalkommando in Nürnberg den Befehl erhalten, das läuten zu unterlassen. Erst als ihn der ASR verhaften lassen will, lässt er doch läuten. Auch in anderen Angelegenheiten stellte sich zumindest der Unabhängige Teil des Fürther ASR gegen die Weisungen aus Nürnberg: Vom dortigen Generalkommando wurde der Kriegszustand verhängt. Der Fürther ASR ignorierte diese Anordnung und ließ auch die von Nürnberger Soldaten geklebten entsprechenden Plakate wieder abmachen.

Am Abend es ersten Tages der Fürther Räterepublik fanden zwei wichtige Parteiversammlungen statt: die Mitgliederversammlung der MSPD im Evorasaal und eine Versammlung der Kommunisten im Geißmannsaal. Auf beiden Veranstaltungen erschienen auch Mitglieder der USPD um mitzudiskutieren.
Im Evorsaal waren Gegner und Befürworter der Räterepublik in etwa gleich stark vertreten. Die Diskussion zog sich bis Mitternacht hin, viele waren inzwischen gegangen. Schließlich wird zwischen einem Pro-Räterepublik-Antrag vom ASR Heinlein und der Nürnberger Resolution der MSPD abgestimmt: 178 stimmten für die Räterepublik und 193 dagegen.
Im Gleißmannssaal sprach sich eine Nürnberger Kommunistin dafür aus, „daß der zu führende Kampf ein geistiger, kein blutiger sein darf“. Andere griffen scharf die MSPD-Führung in Nürnberg an.
Am nächsten Tag wurden die beiden Unabhängigen Koch und Kern zu Stadtkommissaren ernannt, sie sollten die Geschäfte der Stadt führen. Der Oberbürgermeister übergab ihnen noch am gleichen Morgen die Geschäftsführung vor versammelter Beamtenschaft, Vom ASR wurden an die Bevölkerung Flugblätter verteilt.

Inzwischen stellt sich heraus, dass sich die Verwaltung den Entscheidungen des ASR nicht bedingungslos fügen will. Die bürgerlichen und mehrheitssozialistischen Mitglieder des Gemeindebevollmächtigtenkollegium wollen weiter für die Regierung Hofmann arbeiten und erklärten: „Wir stehen überhaupt auf dem Standpunkt, daß für Bayern eine Räterepublik überhaupt nicht ausgerufen worden ist, sondern nur in München, Fürth und einigen anderen Städten.“ Jedoch wolle die MSPD „den neuen Machthabern keinen Stein in den Weg legen“. Die drei Vertreter der USPD versuchten mit allen Mitteln eine Mehrheit für die Räterepublik zu bekommen. Gegen die Stimmen der Unabhängigen erklärte sich das Kollegium für ausgeschaltet. Mehrere hohe Beamte der Verwaltung traten daraufhin von ihren Posten zurück.
„Streik der bürgerlichen und mehrheitssozialistischen Gemeindebevollmächtigten gegen die schaffende Bevölkerung Fürths“ – unter diesem Titel ruft der VA zu einer Volksversammlung für Mittwoch, den 9. April am frühen Abend im Geißmannssaal auf. 4-5000 Personen folgten dem Aufruf.
Die Haltung der Gemeindebevollmächtigten versuchte Mehrheitssozialist Zöllner zu verteidigen. Seine Rede wurde ständig von Tumulten unterbrochen. Geradezu euphorisch soll die Stimmung im Saal gewesen sein, als die Vereinigung der USPD- mit der KPD-Basis in Nürnberg bekannt gegeben wird, die am nächsten Tag auch in Fürth erfolgen soll.

Parallel zu dieser Versammlung treffen sich die Vollzugausschüsse aus Fürth und Nürnberg. Dazu erschien ein Flugblatt des Fürther VA’s: „Es ist zwar zu keiner Einigung über die Frage der Räterepublik gekommen, wohl aber verständigte man sich dahin, daß man beiderseits weder einen militärischen noch einen wirtschaftlichen Druck aufeinander ausüben wolle.“Der Streikbeschluss des Gemeindebevollmächtigtenkollegiums zeigte inzwischen doch erste Auswirkungen. Der Magistrat forderte in seiner Sitzung am 10. April die Rücknahme aller Zwangsmaßnahmen der Räte gegen die Verwaltung – nur so könnten sie weiterarbeiten. Die drei USPD-Vertreter Haller, Koch und Discherl gehen darauf ein und wollen über den genauen Modus mit dem gesamten ASR beraten. In der Magistratssitzung wird die prekäre finanzielle Situation der Stadt deutlich. Der Geldzufluss aus Nürnberg und aus Norddeutschland ist gestoppt worden.

Die katastrophale Finanzsituation steht auch im Mittelpunkt einer Versammlung der Nürnberger KPD im Fürther Parkhotel – in Nürnberg wagten sie es nicht, öffentlich zu tagen. Die Kommunisten beschlossen Oberstleutnant Lippert von der Volkswehr nach München zu schicken, um dort 10 Millionen Mark für Lohn- und Soldzahlungen zu holen. Diese Reise fand nicht mehr statt. Lippert fuhr dagegen auf eigene Initiative nach Nürnberg zum Generalkommando. Dort wurden ihm Soldzahlungen versprochen, falls er die Soldaten dazu bringen kann, sich gegen die Räterepublik zu entscheiden. Auf einer daraufhin in Fürth stattfindenden Garnisonsversammlung entschieden sich 799 Soldaten gegen und 245 für die Räterepublik. Die als radikal geltende Flugplatzbesatzung nahm an dieser Versammlung nicht teil. Nach der Abstimmung trat der Garnisonsälteste, Oberstleutnant Mayer (USPD) von seinen Posten zurück. Nun stand also nicht nur die Stadtverwaltung, sondern auch die Garnison gegen eine Weiterführung der Räterepublik.
Am Abend tagte der ASR zu den Magistratsbeschlüssen im Wirtshaus „Grüner Baum“. Die MSPD-Mitglieder trafen sich aber extra im Jugendheim. So blieben die Unabhängigen Räte unter sich und diskutierten darüber, angesichts der negativen Nürnberger Haltung und der Ablehnung von Teilen der Fürther Arbeiterschaft die Vollzugsgewalt über die Stadt wieder in die Hände der alten Verwaltung zu legen. Zudem sei ein möglicher Beamtenstreik nicht durch die Kräfte des ASR zu brechen, da er nicht über genügend Verwaltungsleute verfüge. In diese Diskussion platzten die Mehrheitssozialisten, deren Beschlüsse gegen die Räterepublik sofort ohne weitere Diskussion abgestimmt werden sollten. Die beiden Unabhängigen Oerter und Haller ergreifen noch das Wort und dann werden die Beschlüsse der MSPD für den gesamten ASR angenommen. Noch am Nachmittag des 10. April warf ein Fürther Flugzeug über Nürnberg Flugblätter mit der Versicherung ab, dass die Räterepublik in Fürth nach wie vor bestehe. Am nächsten Morgen erklärt Haller in der Magistratssitzung in Namen des ASR den Verzicht der Räte auf die Vollzugsgewalt.

Schließlich tritt auch am 11. April der ASR zusammen, um über eine endgültige Stellungnahme der Fürther Räte zu entscheiden. 91 Arbeiterräte sprechen sich gegen und 72 für die Räterepublik aus. Die anwesenden Soldatenräte beteiligten sich nicht an der Abstimmung, da sie bereits einen Tag vorher abgestimmt hatten. Somit war die Räterepublik in Fürth durch einen Räte-Besschluss für aufgehoben erklärt worden.
Darauf hin traten die USPD-Räte aus dem ASR aus und verfassten dazu eine ausführliche Erklärung. Ein Auszug: „(…) Wir haben bei der Uebernahme der öffentlichen Macht in Fürth mit peinlichster Sorgfalt darüber gewacht, daß nirgens ein Gewaltakt oder sonst eine Brutalität vorgekommen ist. Niemand war bedroht, niemand belästigt worden, Die hiesige Beamtenschaft und die ganze Garnison stellten sich auf den Boden der gegebenen Tatsachen. Dann aber begann die Wühlarbeit. Man schnitt dem Fürther Vollzugsrat die Möglichkeit ab, sich mit der Zentrale in München in Verbindung zu setzen, das Bürgertum organisierte den Geldstreik, indem es bei Banken die vorhandenen Barmittel abhob, aber den Zufluß neuer Barmittel sperrte. Die Reichsbank hatte offenbar die Weisung erhalten, kein Geld mehr an die Banken und Kassen abzugeben. (…). In Nürnberg wurden die militärischen Vorbereitungen auf die Spitze getrieben. Wir bekamen Drohungen aller Art zu hören, trotzdem von uns schon der leiseste Gedanke an Gewalt zurückgewiesen wurde. Die sozialdemokratischen Gemeinderatsmitglieder verbanden sich mit den bürgerlichen, um unsere Schwierigkeiten zu vergrößern und auch der Magistrat nahm eine Gegenstellung ein. Daraufhin blieb auch die Beamtenschaft nicht mehr auf ihrer Zusage und selbst das Militär nahm unter dem Druck, der ausgeübt wurde, eine andere Haltung zur Räterepublik ein. (…) Man schlug eine paritätische Vertretung im Vollzugsausschuss vor, wir können aber mit Leuten, die Arm in Arm mit den Bürgerlichen an dem in solcher Weise gegen uns geführten Kampf teilnahmen, nicht zusammenarbeiten und treten daher samt und sonders zurück. Mögen die Herren von der Mehrheitspartei nunmehr den Vollzugsausschuss allein bilden und ihre Politik vor der Gesamtarbeiterschaft Fürths verantworten. Im Übrigen sind wir der Ueberzeugung, daß die Räterepublik, wenn man sie jetzt erwürgt hat, doch wieder – vielleicht schon nach einigen Wochen – aufleben und sich durchsetzen wird. Trotz alledem!“
Als der AR-Beschluss bekannt wurde, erklärte sich die Führung der Volkswehr als neutral – zu einem Beschluss für die Regierung Hoffmann konnte sie sich nicht entschließen. Vom Rathaus wurde die rote Fahne entfernt. Obersleutnant Lippert telegrafierte nach Nürnberg, dass die Garnison Fürth „nach wie vor“ hinter dem Generalkommando stehe. Noch am gleichen Tag erläßt das Generalkommando einen Haftbefehl gegen den ehemaligen Garnisonsältesten Mayer. Er wird von Lippert, der dann neuer Garnisonsältester wurde, unter Hausarrest gestellt und zwei Tage später aus Bayern ausgewiesen.

 

Literatur: Michael Seligmann: Aufstand der Räte, Grafenau 1989