Bayern wird Freistaat

Am 7. November 1918 wird in München die verhasste Monarchie gestürzt und die Bayerische Republik proklamiert: Die RevolutionärInnen organisieren sich in den „Arbeiter, Bauern und Soldatenräten“. Die meisten politischen und sozialen Errungenschaften, die von der Arbeiter-, Frauen- und Gewerkschaftsbewegung im 20. Jahrhundert erkämpft werden konnten, sind Erfolge dieser Rätezeit – das reicht vom Frauenwahlrecht bis zum 8-Stundentag. Doch dem Experiment bleiben nur wenige Monate Zeit.


Anonyme Drohung gegen Eisner

Kurt Eisner (Foto: Archiv der Arbeiterbewegung)       Anonyme Drohung gegen Kurt Eisner

 

„Es lebe Eisner! Es lebe die Weltrevolution!“

„Bayern ist fortan ein Freistaat.“ Noch in der Nacht hatte Kurt Eisner einen Aufruf in den „Münchner Neuesten Nachrichten“ abdrucken lassen. Wer keine Zeitung las oder selbst am Tag zuvor nicht dabei gewesen war, konnte sich seit den frühen Morgenstunden des 8. November an den Litfaßsäulen der Stadt informieren. Auf knallroten Plakaten war dort die Proklamation des neuen Arbeiter- und Soldatenrates zu lesen: „Um nach jahrelanger Vernichtung aufzubauen, hat das Volk die Macht der Zivil- und Militärbehörden gestürzt und die Regierung selbst in die Hand genommen (…) Die Dynastie Wittelsbach ist abgesetzt. Hoch die Republik!“ Und an den Türmen der Frauenkirche wehten rote Fahnen im Herbstwind.

Der Freistaat ist also keine Erfindung der CSU, sondern des radikalen Sozialisten Kurt Eisner und vieler tausender Münchner Revolutionäre. Wie jede Revolution begann der Umsturz der verhassten Ordnung mit einem Auflauf: Die rund 60 000 Menschen auf der Theresienwiese hatten endgültig genug von Krieg und Hunger, Ausbeutung und Adel. Zehntausende folgten an diesem schönen, warmen Herbsttag dem Aufruf Eisners, endlich zu handeln. Der Journalist und Revolutionär war erst drei Wochen zuvor, am 14. Oktober, aus dem Gefängnis entlassen worden. Dort hatten ihn die Behörden wegen seiner Rolle beim Streik der Arbeiter der Münchner Rüstungsfabriken im Januar 1918 seit Monaten eingesperrt.

„’Es lebe der Friede!’ schrien in diesem Augenblick um mich herum die Leute. ’Frie-ie-iede!’ pflanzte sich fort und scholl weiter. Und brausend riefen alle: ’Hoch Eisner! Hoch die Weltrevolution!’ Ungefähr eine Minute war es still.“ (…) Dann schrie Fechenbach (…): ’Kurt Eisner hat gesprochen. Es hat keinen Zweck mehr, viele Worte zu verlieren! Wer für die Revolution ist, uns nach!’ (…) Der Marsch hatte begonnen und war unaufhaltsam. Keine Gegenwehr kam. Die Schutzleute waren wie verschwunden. Aus den vielen offenen Fenstern der Häuser schauten neugierige Menschen auf uns herunter. Die meisten (…) lachten und schwatzten, als ging’s zu einem Fest“, beschrieb der Schriftsteller Oskar Maria Graf die Revolution am 7. November 1918 in seinem Roman „Wir sind Gefangene“. Auch „große gelbe Anschläge mit fetten Lettern, die vor Ausschreitungen warnten“ hatten den Schriftsteller und Sympathisanten Eisners und Tollers nicht davon abhalten können, pünktlich um 15 Uhr auf die Theresienwiese zu kommen. Graf hatte Glück und war bereits an der richtigen Stelle auf der riesigen Wiese als es dann richtig los ging. Denn Lautsprecheranlagen gab es damals noch nicht – und so schlossen sich zunächst viele der rund 60 000 Münchner und Münchnerinnen der „falschen“ Demonstration an.

„Ich war in der Revolutionsnacht am 7. November fast dauernd auf der Straße. Erst war am Nachmittag auf der Theresienwiese eine gewaltige Volksversammlung, auf der sich die beiden sozialistischen Parteien einten (…) Aber die Sache verlief im Sande. Eine Gewerkschaftsdemonstration wälzte sich pomadig durch die Straßen, nichts von revolutionärem Aufstand. Wir folgten bis zum Friedensengel, dann gaben wir die Sache verzweifelt auf und wollten nach Hause gehen“, berichtet Hilde Kramer über den Zug der Mehrheitssozialdemokraten von Erhard Auer. Sie war damals gerade 18 Jahre alt und voller Enthusiasmus. Wie man in ihrem Brief an ihre Berliner Freundin Wise Kaetzler weiter lesen kann, hat Hilde Kramer die Revolution dann trotzdem nicht zu Hause verschlafen: „In der Türkenstraße war die Luft noch erfüllt vom Gas der Bomben, die die Offiziere auf Soldaten und Volksmenge geworfen hatten. Wir erfuhren dann, dass schon fast alle Münchner Soldaten gemeutert hätten (…) Wir schlossen uns an der Türkenkaserne einem Soldaten an, der zur Bildung des Soldatenrates ging. Als ich das ’Es lebe die Republik! Es lebe die Revolution!’ hörte, da hatte ich das Gefühl: Diese Menschen sind fähig, die Revolution zu machen! (…) Gesprungen & gejubelt haben wir, und in die Arme sind wir uns gefallen in jener Nacht.“

Die DemonstrantInnen zogen von Kaserne zu Kaserne. Die Soldaten schlossen sich sofort der Revolution an und bereits um 21 Uhr waren alle Kasernen in der Hand der Aufständischen – wenig später auch das Polizeipräsidium, das Telegrafenamt und die Regierungsgebäude. Im Mathäserbräu am Stachus wählten die „Arbeiter-, Bauern- und Soldatenräte“ am Abend Kurt Eisner zu ihrem Vorsitzenden. Noch in dieser Nacht zogen die Revolutionäre dann weiter in den Bayerischen Landtag in der Prannerstraße und riefen Kurt Eisner auch zum 1. Ministerpräsidenten des Freistaats Bayern aus. Dort hatte die alte monarchistische Regierung bis 18 Uhr ohne Ergebnis über die „Kartoffelversorgung“ debattiert. Die marode Monarchie wurde von den revolutionären Ereignissen völlig überrascht.

König Ludwig III. flanierte an jenem 7. November noch wie gewöhnlich auf seinem täglichen Nachmittagsspaziergang durch den Englischen Garten – bis ihm mit bayerischem Charme ein Arbeiter unmissverständlich erklärte: „Majestät, schaugn’S dass hoamkumma, sunst is’s g’fehlt aa“. Gegen 19 Uhr hatte sich die Residenzwache bereits aufgelöst. Abends informierten zwei herbeigeeilte Minister den König über die Ereignisse und rieten ihm, München sofort zu verlassen. Zu diesem Zeitpunkt hatte der königliche Chauffeur jedoch bereits die Fronten gewechselt und der König musste sich in einer gemieteten Limousine nach Schloss Wildenwarth im Chiemgau kutschieren lassen. Am nächsten Morgen erwachte Ludwig III. als thronloser Ex-Monarch und jammerte: „Dass man mir aber auch gar nichts gesagt hat, wie es steht; dass man mich gar nicht über die Lage informiert hat! Hab ich denn gar niemand, der sich um mich hätte annehmen können?“ So endete die 738 Jahre dauernde Herrschaft der Wittelsbacher Dynastie in Bayern.

Zunächst segelte die SPD noch mit im Boot der Räterevolution. Denn die Mehrheit der Münchner Arbeiter forderte eine direkte Demokratie. Kurt Eisner von der „Unabhängigen Sozialdemokratischen Partei Deutschlands (USPD) ernannte SPD-Chef Erhard Auer in der ersten demokratischen Regierung von Bayern sogar zum Innenminister. Er wollte den Streit unter den Sozialisten endlich beenden. Doch bereits im Dezember versuchte die SPD eine Bürgerwehr gegen die bewaffneten Arbeiter- und Soldatenräte aufzustellen. Noch konnte das verhindert werden.

Leidenschaftlich diskutierten die Revolutionäre in diesen Tagen über die Notwendigkeit direkter Demokratie und politische Formen von Mit- und Selbstbestimmung der Bevölkerung. Der Schriftsteller und Anarchist Gustav Landauer schrieb dazu: „Das Volk bildet sich trotz jahrhundertealter Erfahrung immer noch ein, es könnte besser werden, wenn andere Personen oder Parteien regierten. Es wird aber nicht besser, sondern immer nur schlimmer, weil das Volk sich immer mehr das eigene Eingreifen abgewöhnt und gar nicht mehr weiß, wie die Einrichtungen der Selbstbestimmung aussehen müssen.“

In dieser Zeit übernimmt Hilde Kramer Schreibarbeiten bei den neu gegründeten Räten, unterschreibt Flugblätter und wird Gründungsmitglied der von Erich Mühsam ins Leben gerufenen „Vereinigung Revolutionärer Internationalisten Bayern“. Schon damals tobte der Kampf gegen die patriarchale Unterdrückung von Frauen, sexuelle Gewalt und die Männerherrschaft, aber auch die Machos in den eigenen Reihen. Die Feministin Lida Gustava Heymann erinnerte sich in ihren Memoiren: „Männer- wie Frauenversammlungen waren überfüllt, aber ihr Verlauf war ein sehr verschiedener. In ersteren herrschte Tabaksqualm, Bierdunst, Lärm, Pfeifen und schreien; den durch den Krieg verrohten Männern gebrach es an Selbstbeherrschung, Anstand und dem erforderlichen Denkvermögen. Anders die Frauen. Sie zeigten großes Interesse, richteten sachliche Fragen an die Rednerinnen, über Ehe- und das Erziehungsrecht der Frau sowie ihre ökonomische Stellung im neuen Staat.“ Auf die Emanzipation und den „Verfall der guten Sitten“ reagierte besonders die Katholische Kirche scharf: „Katholische Geistliche“, schrieb die überzeugte Pazifistin Heymann, „gebrauchten wieder und wieder die gleichen Argumente: faselten von der drohenden Gefahr freier Liebe, freier Ehe, dem illegitimen Kinde.“ Nach der Rede eines Geistlichen habe eine Stallmagd laut und vernehmlich in die Versammlung gerufen:“ Er hat ja selbst drei Uneheliche.“ Damit war die Diskussion für diesen Abend entschieden.

Die erbitterten Auseinandersetzungen darum, ob ein Rätesystem oder ein parlamentarisches System als Grundlage der Demokratie eingeführt wird eskaliert weiter. Die gesellschaftliche Polarisierung, die Angst vor einem Bürgerkrieg und die miserable Versorgungslage veranlasst Eisner, der Forderung der SPD nach Landtagswahlen nachzugeben – den Revolutionären bleibt viel zu wenig Zeit, um sich im ganzen Land zu verankern. Am 12. Januar haben die Bayern gewählt: Eisners USPD errang in München 18 Prozent, landesweit jedoch im Verbund mit dem Bayerischen Bauernbund nur 11,5 Prozent. Auf dem Rätekongress, einen Tag vor der Übergabe der Macht an die neu gewählte Regierung, sagt Eisner: „Die Mehrheit, die Bürgerlichen, sollen nun bürgerliche Politik treiben (…) Ich sehne mich danach, dass die Sozialisten ohne Unterschied der Richtung wieder Opposition werden. Morgen beginnt der Landtag, morgen soll auch die Tätigkeit der Räte aufs neue beginnen, dann werden wir sehen, wo Lebenskraft und wo Zuckungen einer dem Tode geweihten Gesellschaft zu finden sind.“

Doch auf diesen Wettstreit wollte sich die Reaktion nicht einlassen. Am 21. Februar 1919 wurde der Sozialist und Revolutionär auf dem Weg zu seiner Rücktrittsrede im Landtag von dem rechtsradikalen Anton Graf Arco-Valley erschossen. Im Manuskript für Eisners letzte, ungehaltene Rede steht: „Wir glauben, dass die Räte sich für die Schaffung einer tätigen Demokratie als unentbehrlich erweisen werden. Das Kriegsministerium hat sich in ein Ministerium zur Liquidierung des Krieges gewandelt. Die Beseitigung aller Erscheinungen, die unter dem Begriff Militarismus zusammengefasst werden, wurde durchgeführt. (…) Es wurde eine Amnestie durchgeführt: für politische Verbrechen und Vergehens trat ausnahmslos Begnadigung ein. Die sozialpolitisch wichtigste Tat war die Proklamierung des 8-Stunden-Tages.“ Dazu kam das Frauenwahlrecht, die Abschaffung der Monarchie und der Sonntagsarbeit, erste Versuche der Trennung von Staat und Kirche, die Einrichtung von Betriebsräten und vor allem auch die Reform des „Gesinderechts“ und damit die Abschaffung der faktischen Leibeigenschaft des Hauspersonals.

In seinem Roman „Eine Jugend in Deutschland“ schreibt Ernst Toller über Kurt Eisner: „Eines unterschied ihn von allen anderen republikanischen Ministern, sein Wille zur Tat, sein Todesmut. Er wusste, dass ein Volk, ebenso wie ein Mensch, nur in täglicher Arbeit reift, aber nicht wenn eine Mauer zwischen Leben und Tat gesetzt ist. Und er fürchtete nicht den Tod. das fühlte das Volk, und darum glaubte es ihm. Talente und Gaben sind vielen gegeben, aber nur dem, der die Furcht vor dem Tod bewusst überwand, folgen die Massen.“

Mehr Zeit wollten ihm seine Feinde deshalb nicht lassen. Hinter der Ermordung Eisners stand die antisemitische Thule-Gesellschaft. Nur wenige Monate später wurde auch die Münchner Räterepublik blutig nieder geschlagen. Bayern verkam zur reaktionären „Ordnungszelle“, in deren Klima die NSDAP stark werden konnte.

Michael Backmund

aus: analyse & kritik – Zeitung für linke Debatte und Praxis www.akweb.de

Einige ausgewählte Literaturtipps:

„Brotmarken und rote Fahnen – Frauen in der bayerischen Revolution und Räterepublik 1918/19“ von Christiane Sternsdorf-Hauck, ISP-Verlag Köln und Karlsruhe, 2008, 160 S., 16,80 Euro.

„Kurt Eisner: Sozialismus als Aktion“, Ausgewählte Aufsätze und Reden, edition suhrkamp, 1975.

„Erich Mühsam: Wir geben nicht auf!“ Texte und Gedichte. Hrsg. von Günther Gerstenberg, edition monacensia im Allitera-Verlag 2003, 215 S., 14,90 Euro.

„Wir sind Gefangene“ von Oskar Maria Graf, Roman von 1927, dtv, 532 S.

„Eine Jugend in Deutschland“ von Ernst Toller, Rowohlt Taschenbuch, 167 S., Ausgabe 2006, 5,90 Euro.